Kennst du das? Etwas ist zu Ende gegangen, und schon sagt dir jemand, du müsstest jetzt loslassen. Einen Abschied verarbeiten heißt aber zuerst, ihn anzunehmen, und annehmen heißt nur: anerkennen, dass es ist, wie es ist. Du musst es nicht gutheißen und nicht vergessen, und fertig sein musst du damit auch nicht. Das darf in deinem Tempo geschehen.
Woran du es merkst
Es ist Dienstagabend, und du gießt die Nudeln ab. Erst als sich der Dampf verzieht, merkst du, dass der Topf wieder für vier gereicht hätte. Seit August wohnt deine Tochter in einer WG in Leipzig, und ihre Zimmertür bleibt meistens zu. Du öffnest sie selten, aber du gehst jedes Mal ein wenig langsamer daran vorbei.
An der Garderobe in deinem Flur ist ein Haken frei, seit dein Partner im Frühjahr ausgezogen ist. Die anderen Haken sind längst überfüllt, und trotzdem hängst du nichts daran. Wenn Freunde fragen, ob es dir inzwischen besser geht, sagst du ja, und ihr redet über etwas anderes. Was du ihnen nicht erzählst: Abends auf dem Sofa kommen noch immer die Sätze, die du ihm gern gesagt hättest.
Am Samstag räumst du mit deinem Bruder das Haus eurer Eltern aus, das im Winter verkauft wird. In der Küche bleibst du am Türrahmen stehen, an dem mit Bleistift eure Größen von früher eingetragen sind, jede mit einem Datum daneben. Dein Bruder schleppt schon die nächste Kiste zum Auto. Du fährst noch eine ganze Weile mit dem Finger über die Striche.
Auch der Tod eines Menschen ist ein Abschied, und manches hier gilt auch für ihn. Wenn dein Verlust noch ganz frisch ist, passt der Artikel Trauer bewältigen besser zu dieser Zeit, weil er von der Trauer selbst handelt. Dieser Text begleitet dich bei den vielen anderen Abschieden und in dem Moment, in dem du anfängst, einem Abschied einen Platz zu geben.
Wenn dir eine dieser Szenen vertraut vorkommt, bist du damit nicht allein. Fast jeder Mensch erlebt Abschiede, die er sich nicht ausgesucht hat, und kaum jemand spricht offen darüber, wie lange sie nachwirken. Dass sie dich so beschäftigen, zeigt vor allem, wie viel dir das Alte bedeutet hat.
Was dahinter steckt
Viele Abschiede passieren leise. Für eine Hochzeit gibt es ein Fest und für einen Todesfall eine Beerdigung. Wenn ein Kind auszieht oder eine Beziehung endet, gibt es dagegen meist keinen Augenblick, an dem jemand sagt: Jetzt ist es vorbei. Der Umzugswagen fährt weg, und am Montag geht dein Alltag weiter. Dein Inneres hat dann keine Gelegenheit bekommen, sich zu verabschieden, und es holt das an der Garderobe oder am Nudeltopf nach.
Dazu kommt der Satz, den du bestimmt schon gehört hast: „Du musst jetzt loslassen.“ Er ist gut gemeint, und doch setzt er dich unter Druck. Loslassen klingt danach, als müsstest du etwas hergeben, das dir wichtig war, und als wärst du erst dann fertig, wenn es dir nichts mehr ausmacht. Gegen diese Vorstellung wehrt sich etwas in dir, und das mit gutem Grund.
Annehmen meint etwas Bescheideneres. Du erkennst an, dass es ist, wie es ist, und mehr verlangt Annehmen nicht von dir. Stell dir dein Leben wie ein Haus mit vielen Räumen vor. Eine Tür hat sich geschlossen, aber der Raum dahinter gehört weiter zu deinem Haus, mit allem Guten, das darin war. Du musst ihn weder ausräumen noch abschließen.
Und oft kämpft ein Teil in dir noch weiter. „Es hätte anders kommen sollen“, sagt er, oder: „Hätte ich doch früher etwas gesagt.“ Dieser Teil verdient keinen Vorwurf, denn er kämpft aus Liebe und aus Treue zu dem, was war. Nur kämpft er gegen etwas, das schon geschehen ist, und diesen Kampf kann niemand gewinnen. Deshalb macht er dich so müde, oft mehr, als du dir erklären kannst.
Was viele tun, und warum es nicht hilft
Du räumst schnell auf. Kaum ist deine Tochter weg, wird ihr Zimmer zum Arbeitszimmer, und die Fotos aus dem letzten Urlaub mit deinem Partner wandern in eine Kiste im Keller. Das gibt dir das Gefühl, wieder etwas in der Hand zu haben. Nur ist dein Inneres noch nicht mit umgezogen, auch wenn das Zimmer schon neu eingerichtet ist.
Du lässt alles, wie es war. Das Zimmer bleibt unberührt, und manchmal stellst du dir vor, es wäre nur eine Pause. Dahinter steckt die Hoffnung, dass doch nicht ganz zu Ende ist, was zu Ende gegangen ist, und diese Hoffnung ist sehr menschlich. Sie kann dich aber lange an der geschlossenen Tür festhalten, und die anderen Räume deines Hauses bekommen dann wenig Licht.
Du nimmst dir die Sätze der anderen zu Herzen: „Du müsstest doch langsam darüber hinweg sein.“ Jeder Tag, an dem es dir noch schwerfällt, fühlt sich dann wie ein Versagen an. Zum Abschied kommt die Scham dazu, und die macht ihn schwerer statt leichter.
Du gehst abends das letzte Gespräch wieder und wieder durch und suchst die Stelle, an der du alles hättest retten können. Es fühlt sich an, als wärst du das dem Alten schuldig. Am Ausgang ändert es nichts, und am nächsten Morgen wachst du müde auf, als hättest du die halbe Nacht gearbeitet.
Du redest den Abschied klein. „Andere haben wirklich Grund zu trauern“, sagst du dir, „ich verkaufe doch nur das Haus meiner Eltern.“ Damit sprichst du deinem Gefühl das Recht ab, da zu sein, und es bleibt trotzdem. Abschiede lassen sich nicht gegeneinander aufrechnen. Deiner zählt, weil er deiner ist.
All das tun Menschen, weil ein Abschied wehtut und sie sich schützen wollen. Jeder dieser Wege versucht auf seine Art, mit dem Abschied fertig zu werden. Leichter wird es meist erst, wenn er einen Platz bekommt.
Was wirklich hilft
Benenne, was zu Ende ist, so genau du kannst. Sag oder schreib einen einzigen Satz, zum Beispiel: „Die Zeit, in der meine Tochter jeden Abend mit am Tisch saß, ist vorbei.“ Ein genauer Satz macht den Abschied wirklich, und er macht ihn überschaubar. Zu Ende ist diese eine Zeit, und deine Tochter bleibt deine Tochter. Wenn du magst, füg einen zweiten Satz an: „Es ist, wie es ist, und ich muss es nicht gut finden.“
Gib dem Abschied eine kleine Form, gerade wenn es keine Feier gab. Stell dich in das Zimmer deiner Tochter, bevor du es umräumst, und sag leise danke für die Jahre, die darin waren. Nimm aus dem Elternhaus einen Gegenstand mit, der dir etwas bedeutet, und gib ihm in deiner Wohnung einen guten Platz. Ein Abschied, der eine Form bekommen hat, muss nicht mehr in jeder Ecke auf dich warten.
Sprich die ungesagten Worte aus. Fast jeder Abschied lässt Sätze zurück, die keinen Weg mehr gefunden haben, ein Danke vielleicht oder ein „Es tut mir leid“, das zu spät kam. Sag sie laut, wenn du allein bist, und erwarte keine Antwort. Schon das Aussprechen macht es leichter.
Gönn dem Kämpfer in dir eine Pause. Wenn abends wieder das „Hätte ich doch …“ kommt, sag ihm innerlich: „Du darfst dich jetzt setzen.“ Du verlangst damit nicht, dass er aufgibt, nur dass er für heute Abend seine Rüstung ablegt. Auch Sitzen ist eine Form von Treue.
Eine kleine Übung für einen stillen Moment: Setz dich bequem hin und schließ die Augen. Stell dir ein Haus vor, dein Haus, mit einem langen Flur und vielen Türen. Eine dieser Türen hat sich geschlossen. Geh langsam auf sie zu und leg deine Hand auf das Holz. Öffnen musst du sie nicht, und abschließen musst du sie auch nicht. Denk an das Gute, das in diesem Raum war, an einen bestimmten Abend oder an ein Lachen, und lass es einen Moment lang da sein. Dann atme lang aus und sag innerlich zu dem Raum: „Du bleibst ein Teil meines Hauses.“ Dreh dich zum Schluss um und schau in den Flur. Dort gibt es andere Türen, und keine davon musst du heute öffnen. Beende die Übung mit dem Satz: „Ich nehme an, was ist, in meinem Tempo.“
So übst du es mit Innenstark®
Das Haus mit der geschlossenen Tür ist der Kern des Themas Abschied annehmen in der Innenstark®-App, zu dem drei Wege gehören. In „Die Tür und der Raum“ bekommt dein Abschied in diesem Haus einen würdigen Platz. „Der müde Kämpfer“ lädt den Teil in dir, der noch gegen das Geschehene kämpft, dazu ein, sich ans Feuer zu setzen und die Rüstung abzulegen, für eine Pause und nicht für eine Kapitulation. In „Die ungesagten Worte“ wartet eine stille Bank am Wasser, an der du aussprechen darfst, was keinen Weg mehr gefunden hat, und zu der du wiederkommen kannst, so oft du magst. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Loslassen musst du dabei nichts.
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Häufige Fragen
Was bedeutet es, einen Abschied anzunehmen?
Es bedeutet, anzuerkennen, dass es ist, wie es ist. Du musst den Abschied dafür nicht gutheißen, und vergessen musst du auch nichts. Annehmen geschieht selten auf einmal. Meistens wächst es Stück für Stück, in deinem Tempo.
Muss ich loslassen, um einen Abschied anzunehmen?
Nein. Loslassen klingt oft so, als müsstest du etwas hergeben, das dir wichtig war. Beim Annehmen darf das Alte bleiben, wie ein Raum in deinem Haus, mit allem Guten, das darin war. Du hörst nur nach und nach auf, gegen das zu kämpfen, was schon geschehen ist.
Warum tut ein Abschied weh, den ich selbst gewollt habe?
Weil auch eine richtige Entscheidung etwas beendet, das gut war. Du kannst wissen, dass deine Trennung richtig war, und trotzdem die gemeinsamen Abende vermissen. Beides darf gleichzeitig da sein, und keines macht das andere falsch.
Wie lange dauert es, einen Abschied zu verarbeiten?
Dafür gibt es keinen Zeitplan. Manche Abschiede werden nach ein paar Wochen zu einem ruhigen Teil deiner Geschichte, andere melden sich noch nach Jahren, an einem Jahrestag oder beim Anblick eines alten Fotos. Beides ist normal, und du darfst dir so viel Zeit lassen, wie du brauchst.
Über den Autor

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.