
Fokus und Gewohnheiten
Aufschieben: warum du nicht anfängst, obwohl du willst
Kennst du das? Die Aufgabe liegt seit Tagen da, du willst sie endlich erledigen, und trotzdem räumst du lieber die Küche auf. Aufschieben ist kein Zeitproblem und kein Zeichen von Faulheit, sondern ein Gefühlsproblem: Irgendetwas an dieser Aufgabe fühlt sich bedrohlich an, und ein Teil von dir stellt sich schützend davor.
Woran du es merkst
Es ist 9:15 Uhr, dein Dokument ist offen, der Cursor blinkt in einer leeren Zeile. Dann schaust du kurz in deine Mails, weil da vielleicht etwas Dringendes liegt, und eine halbe Stunde später bist du in einem Gespräch, das mit deiner Aufgabe nichts zu tun hat.
Deine Wohnung war selten so aufgeräumt wie in der Woche vor einer Abgabe. Du sortierst die Ablage, du räumst die Spülmaschine aus, du bringst endlich den Steuerordner auf Stand. Alles davon ist sinnvoll, und keines davon ist die Sache, die du dir vorgenommen hast.
Um 19 Uhr machst du deinen Rechner aus und hast das Gefühl, nichts geschafft zu haben, obwohl du den ganzen Tag beschäftigt warst. Der Abend bekommt einen Beigeschmack, weil im Hintergrund eine Liste mitläuft, die du nie ganz abschaltest.
Und dann, zwei Tage vor der Frist, geht es plötzlich. In vier Stunden entsteht, was drei Wochen lang nicht entstehen wollte, und du fragst dich, warum es nicht gleich so ging.
Wenn du das kennst, bist du in guter Gesellschaft. Aufschieben trifft besonders oft Menschen mit hohem Anspruch an die eigene Arbeit, und mit Disziplin hat es wenig zu tun.
Was dahinter steckt
Dein Kopf rechnet nicht in Stunden, er misst Unbehagen. Alles, was dieses Unbehagen sofort senkt, fühlt sich für ihn richtig an. Du machst etwas anderes, die Anspannung fällt, und genau diese Erleichterung bringt dir das Aufschieben bei. Sie kommt sofort, der Ärger kommt erst abends.
Vor der Aufgabe steht dabei so etwas wie ein Wächter. Er will verhindern, dass jemand deine Arbeit auseinandernimmt oder dass du selbst merkst, dass du es nicht so gut kannst, wie du hoffst. Solange du nicht anfängst, kann dich niemand daran messen. Der Wächter meint es gut mit dir, und er kostet dich trotzdem Woche um Woche.
Dazu kommt dein Anspruch, der an der falschen Stelle steht. Er sitzt schon am Anfang und verlangt beim ersten Satz ein fertiges Ergebnis. So kann niemand beginnen, denn jeder erste Entwurf verliert gegen das perfekte Bild in deinem Kopf. An das Ende gehört dieser Anspruch, an den Anfang gehört die Erlaubnis, dass es noch ungerade sein darf.
Und dann wiegt jede aufgeschobene Sache doppelt. Einmal die Aufgabe selbst, und obendrauf das schlechte Gewissen, das du seit Tagen mit dir herumschleppst. Deshalb fühlt sich der Stapel nach zwei Wochen schwerer an als die Arbeit, die wirklich darin steckt.
Was viele tun, und warum es nicht hilft
Du planst neu. Du legst eine andere Liste an, du probierst eine neue App, du malst dir einen Wochenplan in Farben. Planen fühlt sich an wie Arbeiten und ist doch das Gegenteil davon, solange nichts entsteht. Dein Wächter hat gegen keinen Plan etwas einzuwenden, er steht ja weiter an derselben Stelle.
Du machst Druck von innen. „Jetzt reiß dich endlich zusammen“ ist der Satz, den fast alle probieren. Scham macht die Aufgabe aber noch unangenehmer, und je unangenehmer sie wird, desto sicherer weichst du ihr aus. Du beschimpfst dich in die falsche Richtung.
Du wartest auf die richtige Stimmung. Du willst morgen früh mit klarem Kopf beginnen, oder am Wochenende in Ruhe, oder nächste Woche, wenn keine Termine dazwischenkommen. Motivation kommt bei den meisten Dingen erst nach dem Anfang und nicht davor, deshalb wartest du auf etwas, das ohne den Anfang nie eintrifft.
Du machst den Druck zum System. „Ich arbeite eben besser unter Druck“ stimmt für das Ergebnis manchmal sogar. Du bezahlst es mit Wochen voller Hintergrundrauschen und mit Abenden, an denen du nie richtig frei hast.
Du nimmst dir alles auf einmal vor. Am Samstag wird der ganze Stapel abgearbeitet, und weil dieser Block so groß ist, fängst du am Samstag gar nicht erst an. Große Vorsätze scheitern an ihrer eigenen Größe.
Alle diese Wege setzen an deinem Kalender an oder an deinem Willen. Das Aufschieben sitzt aber nicht dort, sondern in dem Gefühl, das die Aufgabe bei dir auslöst.
Was wirklich hilft
Frag deinen Wächter, was er befürchtet. Setz dich für zwei Minuten hin und stell dir die Frage: Was könnte passieren, wenn ich jetzt anfange? Die Antworten sind meist überraschend konkret, etwa dass dein Chef Rückfragen stellt oder dass der Text nie so gut wird wie die Idee davon. Ein Wächter, der verstanden wird, muss seinen Posten nicht mehr halten.
Gib dir die Erlaubnis für einen schlechten ersten Entwurf. Jedes gute Werk hat als Skizze angefangen, auch das, was dich beeindruckt. Nimm dir für den ersten Wurf achtzig Prozent vor und lass deinen Anspruch später polieren. Fertig schlägt perfekt, und fertig kann man überarbeiten.
Mach deinen ersten Schritt lächerlich klein. Nimm dir nicht vor, das Konzept zu schreiben, sondern dein Dokument zu öffnen und die Überschrift zu tippen. Stell dir einen Wecker auf fünf Minuten und hör danach wirklich auf, wenn du willst. Meistens willst du nicht mehr aufhören, weil das Unbehagen nach dem Anfang abfällt.
Vergib dir das Liegengebliebene, bevor du weitermachst. Wer sich für das Aufschieben fertigmacht, schiebt zuverlässig weiter, und wer sich verzeiht, fängt schneller wieder an. Nimm dir dann aus dem ganzen Stapel einen einzigen Stein heraus, nämlich den, mit dem du beginnst.
Eine kleine Übung für deinen nächsten Anlauf: Schließ die Augen und stell dir eine Werkstatt vor. Du gehst über einen Hof, du machst die Tür auf, und überall liegt Angefangenes: ein Stuhl mit drei Beinen, ein Brett mit angerissenen Linien, ein Werkzeug mitten in der Arbeit. So sieht Arbeit bei allen aus, während sie gemacht wird. Geh an deine eigene Werkbank, nimm das Stück Holz in die Hand, das dort auf dich wartet, und mach den ersten Schnitt. Er darf ungerade sein. Öffne dann die Augen und mach genau diesen Schnitt an deiner echten Aufgabe, fünf Minuten lang und ausdrücklich unperfekt.
Hinweis: Wenn das Aufschieben dein Studium, deinen Beruf oder deine Gesundheit dauerhaft belastet, sprich mit einer Beratungsstelle oder einer Psychotherapeutin darüber. Hinter hartnäckigem Aufschieben stecken manchmal eine Depression, eine Angsterkrankung oder eine ADHS, und diese Erkrankungen lassen sich gut behandeln. Dieser Artikel ersetzt keine Diagnose und keine Behandlung.
Im Arbeitsalltag
Im Team fällt Aufschieben selten als Aufschieben auf. Es sieht aus wie eine Rückmeldung, die immer erst am letzten Tag kommt, oder wie eine Entscheidung, die seit Wochen auf einer Zusatzinformation wartet. Am längsten liegen dabei die Aufgaben, die niemand richtig verstanden hat, denn unklar heißt für den Kopf unangenehm.
Ein Unternehmen kann daran viel ändern, ohne jemandem in den Kopf zu schauen. Aufträge, die das gewünschte Ergebnis und den ersten Schritt benennen, verlieren einen Großteil ihres Schreckens. Große Vorhaben gehören in sichtbare Zwischenstände zerlegt, weil ein Halbjahresziel niemanden am Montagmorgen bewegt. Und wer Entwürfe einfordert statt fertiger Ergebnisse, macht das Anfangen leichter, denn ein Entwurf darf ungerade sein.
Dazu kommt der Umgang mit Fehlern, denn in Teams, in denen ein unfertiger Stand zerpflückt wird, lernt jeder schnell, lieber gar nichts zu zeigen. Wie das im Betrieb aussehen kann, steht auf unseren Seiten für Arbeitgeber.
So übst du es mit Innenstark®
Die Werkstatt aus der Übung oben ist keine Erfindung für diesen Artikel. Sie ist der Kern des Themas Aufschieben durchbrechen in der Innenstark®-App: fünf Wege, darunter „Der Wächter am Schreibtisch“ für den Anfang und „Die Werkstatt“ als lange Reise. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Du musst dabei nichts erzwingen, du lernst deinen Wächter kennen und darfst unperfekt beginnen.
Aufschieben durchbrechen in der App hören
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Häufige Fragen
Ist Aufschieben ein Problem von schlechtem Zeitmanagement?
Meistens nicht. Menschen, die aufschieben, wissen in aller Regel genau, was zu tun wäre und wie lange es dauert. Was fehlt, ist kein Plan, sondern ein Umgang mit dem unangenehmen Gefühl, das die Aufgabe auslöst.
Warum fange ich immer erst kurz vor der Frist an?
Weil die Angst vor der Frist irgendwann größer wird als das Unbehagen vor der Aufgabe. Dann kippt die Rechnung, und du legst los. Das funktioniert, kostet dich aber die Wochen davor, in denen die Sache ständig im Hintergrund mitläuft.
Hilft Druck von außen, etwa eine feste Abgabe?
Eine klare Frist hilft vielen Menschen, ein harter Ton hilft fast niemandem. Druck erhöht die Anspannung, und Anspannung ist der Grund, aus dem du ausweichst. Verbindlichkeit wirkt besser, wenn du jemandem einen Zwischenstand zeigst.
Was mache ich, wenn die Aufgabe einfach zu groß ist?
Zerleg sie, bis der erste Schritt fast zu klein wirkt, um ihn aufzuschreiben. Nimm dir nicht die Präsentation vor, sondern die erste Folie mit der Überschrift. Wenn dir der Schritt noch schwerfällt, ist er immer noch zu groß.