Kennst du das? Am Abend vorher kann dein Kind jede Aufgabe, und in der Klassenarbeit ist plötzlich alles weg. Hinter dieser Prüfungsangst steckt selten eine Wissenslücke. Das Gelernte ist da, nur findet sein aufgeregter Kopf es nicht. Mit einem kleinen Ruhe-Trick, den ihr zu Hause einübt, kommt dein Kind auch in der Arbeit wieder an sein Wissen heran.
Woran du es merkst
Es ist Mittwochabend, und ihr sitzt nach dem Essen noch am Küchentisch. Du fragst die Vokabeln für morgen ab, und dein Kind weiß jede einzelne, sogar die schwierigen vom Ende der Liste. Als es danach seinen Ranzen packt, wird es still. Nach einer Weile fragt es, ohne dich anzusehen: „Und was ist, wenn ich morgen wieder alles vergesse?“
Am nächsten Morgen sitzt es vor seinem Müsli und rührt darin herum, ohne zu essen. Es hat Bauchweh, sagt es, und du weißt längst, dass dieses Bauchweh nur an Tagen mit einer Arbeit kommt. Das Pausenbrot packst du trotzdem ein, und es kommt unberührt wieder mit nach Hause.
Mittags landet der Ranzen im Flur, lauter als sonst. „Ich wusste das alles“, sagt dein Kind, „und dann war mein Kopf einfach leer.“ Beim Abendessen fällt ihm die Antwort auf die dritte Aufgabe ein, ganz von selbst, als wäre sie nie weg gewesen.
Eine Woche später kommt die Arbeit zurück, und die Note darunter passt nicht zu dem Abend am Küchentisch. Dein Kind zuckt mit den Schultern und sagt: „Ich bin halt schlecht in Englisch.“ Du weißt, dass das nicht stimmt, und doch findest du in diesem Moment nicht die richtigen Worte.
Wenn du das von deinem Kind kennst, seid ihr in guter Gesellschaft. Sehr viele Kinder erleben diesen Moment, auch solche, die gern lernen und sonst gut zurechtkommen. Mit zu wenig Üben hat das meist nichts zu tun, und mit dir als Mutter oder Vater auch nicht.
Was dahinter steckt
Vor einer Arbeit macht sich der Körper deines Kindes bereit, als stünde etwas Gefährliches bevor. Sein Herz klopft schneller, und im Bauch fängt es an zu kribbeln. Diese Reaktion ist uralt und eigentlich sinnvoll, denn sie hilft beim Wegrennen und beim Kämpfen. Beim Nachdenken hilft sie leider nicht. Solange der Alarm läuft, kommt dein Kind schlecht an das heran, was es in Ruhe gelernt hat.
Stell dir einen See vor, über den ein kräftiger Wind fegt. Das Wasser ist aufgewühlt, und du kannst nicht bis auf den Grund sehen. Die Steine dort unten liegen trotzdem alle noch an ihrem Platz. Sobald der Wind nachlässt und das Wasser still wird, siehst du sie wieder. So geht es dem Wissen deines Kindes in der Arbeit: Es liegt unter unruhigem Wasser, aber es ist noch da. Deshalb fällt ihm die Antwort beim Abendessen wieder ein, wenn sich der Wind gelegt hat.
Dazu kommt ein Kreislauf, den viele Familien kennen. Nach einem Blackout fürchtet dein Kind bei der nächsten Arbeit vor allem eines, nämlich dass es wieder passiert. Diese Sorge macht schon am Abend vorher Wind, und am Morgen ist das Wasser aufgewühlt, bevor die erste Aufgabe auf dem Tisch liegt.
Und Kinder suchen sich eine Erklärung für das, was sie erleben. Wer nicht weiß, dass Aufregung den Kopf leer machen kann, erklärt es sich anders: „Ich bin zu dumm dafür.“ Dieser Satz tut weh, und er macht die nächste Arbeit noch schwerer. Wenn dein Kind versteht, was in ihm passiert, kann es diesen Satz gegen einen freundlicheren tauschen: „Ich war aufgeregt, und mein Wissen war die ganze Zeit da.“
Was viele tun, und warum es nicht hilft
Ihr übt am Abend vorher noch eine Runde, und dann noch eine. Das fühlt sich vernünftig an, weil Üben bisher immer geholfen hat. Dein Kind kann den Stoff aber schon, und jede weitere Runde sagt ihm vor allem, dass es noch nicht reicht. Der Abend wird lang, und die Aufregung wächst mit.
Du sagst: „Du brauchst keine Angst zu haben.“ Das ist liebevoll gemeint, und doch kann dein Kind seine Aufregung so wenig auf Knopfdruck abstellen wie ein Erwachsener vor einer Rede. Es lernt daraus eher, dass seine Angst falsch ist, und erzählt dir beim nächsten Mal weniger davon.
Du machst die Sache kleiner, als sie sich anfühlt: „Ist doch nur eine Arbeit.“ Für dich stimmt das, weil du schon viele Arbeiten hinter dir hast. Für dein Kind ist es in diesem Moment die wichtigste Sache der Woche, und es bleibt mit seiner Sorge allein.
Beim Frühstück fragst du noch schnell die schwierigsten Vokabeln ab. Viel bleibt in diesen letzten Minuten nicht mehr hängen. Dafür bekommt der Alarm frisches Futter, bevor der Schultag überhaupt angefangen hat.
Nach der Schule willst du wissen, was schiefgelaufen ist, und fragst genau nach. Du willst helfen, und das spürt dein Kind auch. Wenn es gerade einen Blackout hatte, hört es aus deinen Fragen trotzdem vor allem heraus, dass es etwas falsch gemacht hat.
Jeder dieser Versuche kommt aus Liebe, und nichts davon musst du dir vorwerfen. Diese Wege kümmern sich um den Stoff oder um die Note. Die Aufregung selbst bleibt dabei unbeachtet, und sie ist es, die in der Arbeit den Kopf deines Kindes leer macht.
Was wirklich hilft
Erklär deinem Kind, was bei einem Blackout passiert. Nimm dafür das Bild vom See: Wenn Wind aufkommt, wird das Wasser unruhig, und wenn es still wird, ist alles wieder zu sehen. Viele Kinder atmen auf, wenn sie das zum ersten Mal hören, weil aus „Ich bin dumm“ ein „Ich war aufgeregt“ wird. Diese Erklärung nimmt der nächsten Arbeit schon viel von ihrem Schrecken.
Eine kleine Übung für euch beide, an einem ruhigen Abend: Setzt euch nebeneinander aufs Sofa und atmet zusammen langsam ein und noch langsamer wieder aus. Stellt euch dabei einen stillen See vor, dessen Wasser so klar ist, dass ihr bis auf den Grund schauen könnt. Frag dein Kind, was es dort unten sieht, und lass es erzählen. Dieser See ist ab jetzt sein sicherer Ort. Dann sucht ihr zusammen eine kleine Geste aus, die in der Klasse niemand bemerkt, eine Bewegung der Hand, die auch unter dem Tisch geht. Während es die Geste macht, denkt dein Kind an seinen See, atmet einmal lang aus und sagt sich leise oder in Gedanken den Satz: „Ich bin ruhig, ich kann das.“ Übt das in den Tagen vor der Arbeit ein paarmal in Ruhe, damit es am Tag der Arbeit von selbst da ist.
Gib dem Satz einen Platz in der Federtasche. Schreib „Ich bin ruhig, ich kann das.“ auf einen kleinen Zettel, und vielleicht malt dein Kind seinen See daneben. Besprecht auch, was es tut, wenn sein Kopf in der Arbeit doch leer wird. Es legt den Stift kurz ab und macht seine Geste mit einem langen Ausatmen. Danach fängt es mit der Aufgabe an, die ihm am leichtesten fällt, und kommt später zu der schweren zurück.
Halte den Morgen ruhig. Sprecht beim Frühstück über etwas anderes als die Arbeit, über das, was am Wochenende ansteht, oder über den Witz von gestern Abend. Wenn dein Kind aus der Tür geht, gib ihm einen Satz mit, der nichts mit der Note zu tun hat: „Ich freu mich auf dich heute Mittag.“
Frag nach der Schule zuerst nach deinem Kind und dann nach der Arbeit. „Wie geht es dir?“ ist an solchen Tagen die bessere erste Frage als „Wie lief es?“. Und wenn es von einem Blackout erzählt, frag, was ihm geholfen hat, wieder hineinzufinden, und sei es nur ein kleines Stück. So erlebt dein Kind, dass es etwas tun kann, wenn sein Kopf leer wird.
So übst du es mit Innenstark®
Die Übung mit dem stillen See ist der Kern des Themas Prüfungs-Ruhe in der Innenstark®-App, zu dem ein Weg gehört, die „Filo-Reise“. Filo ist ein kluger kleiner Lernfuchs, der dein Kind an seinen Zaubersee mitnimmt, dessen Wasser ganz still und klar ist. Dort lernt dein Kind mit Filos Zauberwort, die Ruhe selbst anzuknipsen, und bekommt eine kleine Geste mit, die es später in der Prüfung benutzen kann. Hört die Reise am besten gemeinsam, in den Tagen vor der Arbeit und nicht erst am Morgen davor. Dein Kind legt sich aufs Sofa oder ins Bett, du setzt dich dazu, und eine ruhige Stimme führt euch. Können muss dein Kind dafür nichts, es hört einfach zu.
Prüfungs-Ruhe in der App hören
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Häufige Fragen
Warum hat mein Kind einen Blackout, obwohl es gut gelernt hat?
Weil die Aufregung ihm den Weg zu seinem Wissen versperrt. Sein Körper schaltet auf Alarm, und in diesem Zustand findet sein Kopf schlecht, was es gelernt hat. Sobald es innen ruhiger wird, kommt das Wissen meist zurück.
Was kann ich am Abend vor der Arbeit tun?
Hört nach einer kurzen Wiederholung mit dem Lernen auf und macht etwas, das euch beiden guttut. Übt den Ruhe-Trick noch einmal kurz, dann ist er am nächsten Morgen frisch. Ein ruhiger Abend hilft deinem Kind mehr als eine letzte Runde Vokabeln.
Soll ich meinem Kind sagen, dass Noten nicht wichtig sind?
Kinder merken schnell, dass Noten in der Schule zählen, deshalb glauben sie diesen Satz selten. Sag lieber, was stimmt: Die Arbeit ist wichtig, und dein Kind ist dir wichtiger als jede Note. Dieser Satz entlastet, ohne die Sache kleinzureden.
Wie oft sollten wir den Ruhe-Trick üben?
Ein paarmal in den Tagen vor der Arbeit reicht für den Anfang, jedes Mal nur ein paar Minuten. Wichtig ist, dass ihr in Ruhe übt und nicht erst, wenn die Aufregung schon da ist. Mit jeder Arbeit, in der der Trick hilft, wird er für dein Kind vertrauter.
Über den Autor

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.