Wissen · Selbstwert und innere Stärke

Selbstwert und innere Stärke

Ruhe bewahren im Gefühlssturm: wie du wieder zu dir findest

Michael Hoffmann · Stand

Kennst du das? Alles passiert auf einmal, und in Sekunden zieht in dir ein Sturm auf. Dein Herz rast, und ein Satz ist draußen, bevor du ihn gedacht hast. Ruhe bewahren heißt nicht, dass du nichts mehr fühlst. Es heißt, dass es in dir einen Ort gibt, der ruhig bleibt, und dass du ihn auch mitten im Wetter erreichst.

Woran du es merkst

Es ist Samstag, 8:10 Uhr, und heute ziehst du um. Deine Freunde stehen mit Kaffeebechern zwischen den Kartons, und der Transporter ist noch nicht da. Dann leuchtet auf deinem Handy eine Nachricht der neuen Vermieterin auf: Die Schlüsselübergabe verschiebt sich auf morgen. Dein Atem wird flach, und in deinem Kopf laufen fünf Pläne gleichzeitig, von denen du keinen zu Ende denkst.

Gegen Mittag rutscht dir die Kiste mit dem Geschirr deiner Großmutter aus den Händen, drei Stufen vor dem Ende der Treppe. Es klirrt, und von oben ruft dein Partner: „Ich hab doch gesagt, du sollst die Kisten beschriften.“ In einer Sekunde ist der Sturm da. Deine Ohren werden heiß, und der Satz, den du zurückrufst, ist schärfer, als du ihn je meinen würdest. Im Treppenhaus wird es still.

Am Nachmittag ruft deine Schwester an und fragt, wie es läuft. Du sagst „gut“, und dann kommen dir mitten zwischen den Kartons die Tränen. Eben warst du noch wütend, jetzt bist du nur noch traurig, und deine Gefühle wechseln schneller, als du hinterherkommst.

Abends sitzt du auf der Matratze in deiner halb leeren Wohnung. Um dich herum ist es still, doch in dir tobt es weiter. Dein Herz klopft noch, als wäre der Tag nicht vorbei, und du spielst den Moment auf der Treppe wieder und wieder ab.

Wenn du das kennst, bist du nicht allein. Fast jeder Mensch erlebt solche Stürme, und meistens kommen sie dann, wenn mehrere Dinge auf einmal ins Rutschen geraten. Sie sagen wenig über deinen Charakter und viel über die Menge dessen, was gerade gleichzeitig auf dich einstürmt.

Was dahinter steckt

Ein Gefühlssturm beginnt in deinem Körper. Wenn mehrere Dinge auf einmal schiefgehen, schaltet dein Alarmsystem auf Gefahr. Dein Herz schlägt schneller, und dein Atem rutscht nach oben in die Brust, lange bevor du einen klaren Gedanken fassen kannst. Dein Körper meint es gut mit dir. Er unterscheidet nur schlecht zwischen einer echten Gefahr und einem Satz im Treppenhaus.

Im Alarm wird dein Blick eng. Alles fühlt sich gleich dringend an, die Scherben genauso wie der verschobene Schlüsseltermin, und du findest schnelle Antworten, aber selten gute. Deshalb sagst du Dinge, die du eine Stunde später so nicht mehr sagen würdest.

Fachleute nennen die Fähigkeit, mit solchen Stürmen umzugehen, Emotionsregulation. Gemeint ist etwas ganz Alltägliches: Du kannst ein starkes Gefühl haben, ohne dass es das Steuer übernimmt. Die Wut darf da sein, und trotzdem entscheidest du, was du als Nächstes sagst. Mit Unterdrücken hat das nichts zu tun, denn ein unterdrücktes Gefühl tobt nur unter Deck weiter.

Dabei hilft ein einfaches Bild. Gefühle kommen in Wellen: Sie steigen an, und wenn niemand neuen Wind hineinbläst, flauen sie nach ihrem höchsten Punkt wieder ab. Du bist der Ort, durch den der Sturm zieht, und an diesem Ort kann es ruhig bleiben, auch wenn es ringsum tost. Wie du nach größeren Rückschlägen wieder aufstehst, steht im Artikel über Resilienz und innere Stärke. Hier geht es um den Moment selbst, in dem der Sturm aufzieht.

Was viele tun, und warum es nicht hilft

Du machst innerlich dicht. Du lächelst, sagst „alles gut“ und schleppst den nächsten Karton nach unten. Nach außen wirkst du ruhig, doch innen tobt der Sturm weiter. Er sucht sich später einen Ausgang, oft bei jemandem, der gar nichts dafür kann.

Du willst das Gefühl so schnell wie möglich loswerden und handelst sofort. Du schreibst der Vermieterin eine scharfe Nachricht oder sagst den Satz, der dir schon auf der Zunge liegt. Für einen Moment fühlt sich das wie Erleichterung an. Danach hast du ein Problem mehr, und der Sturm hat neuen Wind bekommen.

Du versuchst, alles gleichzeitig zu lösen. Du telefonierst mit der Autovermietung, während du die Scherben zusammenfegst. Je mehr du parallel anpackst, desto lauter wird es in dir, weil dein Kopf jede offene Sache als neuen Alarm meldet.

Du schimpfst mit dir selbst, weil du so heftig reagierst. „Jetzt reiß dich zusammen, es ist doch nur Geschirr.“ So kommt zum ersten Sturm ein zweiter dazu, der Sturm über den Sturm. Ein Gefühl, für das du dich auch noch schämst, wird davon nicht kleiner. Es bleibt nur länger.

Alle diese Wege kämpfen gegen den Sturm oder lassen sich von ihm treiben. Keiner sucht den Ort in dir, der auch im Sturm ruhig bleibt.

Was wirklich hilft

Lerne die Vorboten deines Sturms kennen. Bei manchen Menschen werden die Ohren heiß, bei anderen wird der Hals eng, die Hände ballen sich zu Fäusten, oder der Atem rutscht nach oben. Wenn du deine Zeichen bemerkst, sag dir innerlich: Da zieht etwas auf. Schon dieser Satz schafft ein kleines Stück Abstand, weil du den Sturm jetzt siehst, statt nur in ihm zu stecken.

Atme länger aus, als du einatmest. Dein Atem ist der Teil des Alarms, den du direkt erreichen kannst. Ein langes Ausatmen sagt deinem Körper, dass er die Wache lockern darf, und nach ein paar Atemzügen wird dein Blick oft schon wieder weiter.

Nimm dir eine Sache vor, nicht fünf. Wenn alles gleichzeitig passiert, frag dich: Was ist in den nächsten ein paar Minuten dran? Der Rest darf warten. Mit einer einzigen Aufgabe in der Hand kommt dein Kopf leichter aus dem Alarm, weil er wieder etwas abschließen kann.

Eine kleine Übung für den nächsten Sturm: Stell beide Füße fest auf den Boden und stell dir vor, du bist ein Fels in der Brandung. Spann für einen Atemzug deine Hände und deine Schultern an, so fest es sich gut anfühlt, und lass beim Ausatmen alles los. Spür, wie fest deine Füße stehen. Die Brandung schlägt gegen den Fels, und er bleibt, wo er ist. Leg dann eine Hand auf deine Brust, atme lang aus und denk ein einziges Wort, das du dir vorher ausgesucht hast, zum Beispiel „hier“. Wenn du diese Geste in ruhigen Minuten ein paarmal übst, findet deine Hand sie später auch mitten im Sturm.

Und wenn ein Satz zu viel draußen war, dann geh zurück, sobald du wieder ruhig bist. Sag deinem Partner: „Vorhin auf der Treppe war ich mitten im Sturm, und das war nicht fair.“ Ein ehrliches Zurückkommen repariert oft mehr, als der Satz kaputt gemacht hat. Und es zeigt dir, wann dein Sturm angefangen hat, damit du ihn beim nächsten Mal früher bemerkst.

Im Arbeitsalltag

Gefühlsstürme gibt es in jedem Betrieb, auch wenn sie selten jemand offen zeigt. Sie ziehen am Kundentelefon auf, wenn jemand zum dritten Mal laut wird, oder auf der Station, wenn zwei Klingeln gleichzeitig gehen. Wer viele solcher Momente am Tag erlebt, braucht kurze Wege zurück in die Ruhe, mitten im Dienst und nicht erst im Urlaub.

Führungskräfte und Gesundheitsmanager können dafür sorgen, dass diese Wege erlaubt sind. Wer nach einem schwierigen Gespräch kurz ans Fenster geht, sollte das nicht erklären müssen. Im Team hilft die Absprache, dass jeder sagen darf: „Ich melde mich in ein paar Minuten dazu.“ Und eine Führungskraft, die vor ihrer Antwort sichtbar durchatmet, erlaubt das allen anderen mehr als jedes Rundschreiben.

Übergriffig wird es, wenn ein Unternehmen Gefühle bewertet oder Ruhe verlangt. Hilfreich ist es, wenn es Werkzeuge anbietet, etwa kurze geführte Übungen im Gesundheitsangebot, und die Entscheidung bei den Menschen lässt. Wie das im Betrieb aussehen kann, steht auf unseren Seiten für Arbeitgeber.

So übst du es mit Innenstark®

Der Fels und die Hand auf der Brust aus der Übung oben sind der Kern des Themas Ruhe im Sturm in der Innenstark®-App: drei Wege, die aufeinander aufbauen und auch einzeln funktionieren. Mit dem „Atem-Anker“ lernst du über deinen Atem, mitten im Aufruhr dein ruhiger Mittelpunkt zu bleiben. „Der Fels in der Brandung“ verbindet das An- und Loslassen der Muskeln mit deinem festen Stand und deiner Geste für den Alltag, und im langen Weg „Der Aussichtspunkt“ trittst du einen Schritt zurück und schaust dem Sturm von einem sicheren, ruhigen Ort in dir aus zu. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu.

Ruhe im Sturm in der App hören

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Häufige Fragen

Was bedeutet Emotionsregulation?

Emotionsregulation heißt, dass du mit einem starken Gefühl umgehen kannst, ohne dass es das Steuer übernimmt. Das Gefühl darf da sein, und du entscheidest trotzdem, was du als Nächstes tust. Das lässt sich üben, wie fast alles, was mit Ruhe zu tun hat.

Wie bewahre ich Ruhe, wenn alles gleichzeitig passiert?

Atme zuerst länger aus, als du einatmest, und stell deine Füße fest auf den Boden. Dann such dir die eine Sache, die in den nächsten ein paar Minuten dran ist, und lass den Rest kurz warten. Dein Kopf beruhigt sich schneller, wenn er nicht fünf Alarme gleichzeitig sortieren muss.

Heißt Ruhe bewahren, dass ich meine Gefühle unterdrücke?

Nein. Ein unterdrücktes Gefühl tobt weiter, nur unsichtbar. Ruhe bewahren heißt, dass du das Gefühl spürst und trotzdem einen ruhigen Ort in dir behältst, von dem aus du entscheidest.

Was mache ich, wenn mir im Sturm etwas herausgerutscht ist?

Geh zurück, sobald du wieder ruhig bist, und sag es offen: Vorhin war ich mitten im Sturm, und das war nicht fair. Ein ehrliches Zurückkommen repariert oft mehr, als der Satz kaputt gemacht hat. Und du lernst dabei, deinen nächsten Sturm früher zu bemerken.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.