Wissen · Körper und Gesundheit

Körper und Gesundheit

Verspannungen lösen: warum dein Nacken nicht von allein loslässt

Michael Hoffmann · Stand

Kennst du das? Deine Schultern sitzen irgendwo kurz unter deinen Ohren, und du hast keine Ahnung, seit wann. Verspannungen lösen sich selten mit Kraft. Dein Körper spannt an, weil er glaubt, gebraucht zu werden. Was ihm hilft, ist eine Entwarnung: die Erlaubnis, wieder weich zu werden.

Woran du es merkst

An einem kalten Oktobermorgen wartest du an der Bushaltestelle, und der Wind fährt dir in den Kragen. Du ziehst deine Schultern hoch, bis sie fast deine Ohren berühren. Im Bus läuft die Heizung, und doch merkst du am Nachmittag im Büro, dass deine Schultern noch immer dort oben sind.

Auf dem Heimweg mit dem Rad willst du vor dem Abbiegen über die Schulter schauen. Dein Kopf kommt nur halb so weit herum wie früher, also drehst du den ganzen Oberkörper mit, und für einen Moment schlingert dein Rad.

Am Dienstag hängst du zwanzig Minuten in der Warteschleife deines Stromanbieters, und die Musik spielt zum fünften Mal dieselbe Melodie. Als endlich jemand abnimmt, merkst du, dass deine Zähne die ganze Zeit fest aufeinandergelegen haben. Dein Kiefer fühlt sich an, als hättest du auf etwas Hartem gekaut.

Abends ziehst du dir den Pullover über den Kopf, und zwischen deinen Schulterblättern spannt es, als hätte dort jemand einen Knoten gebunden. Du greifst mit der Hand nach hinten und kommst nicht ganz heran. Mit den Fingerspitzen spürst du gerade noch, dass die Stelle hart ist, und du ahnst, dass sie schon länger da ist, als du dachtest.

Wenn du dich hier wiederfindest, bist du in guter Gesellschaft. Fast jeder kennt einen festen Nacken oder hochgezogene Schultern, und hinter den meisten Verspannungen steckt eine Gewohnheit: Dein Körper hält eine Spannung fest, die er längst loslassen dürfte.

Was dahinter steckt

Deine Muskeln spannen sich an, wenn dein Körper sich auf etwas einstellt. Bei Kälte ziehen sich deine Schultern hoch, und bei Ärger beißt du die Zähne zusammen. Das ist sinnvoll, denn ein angespannter Muskel ist bereit. Dein Körper steht dann in Habachtstellung für einen Ernstfall.

Zum Problem wird das erst, wenn die Entwarnung ausbleibt. Der Bus ist längst warm, das Telefonat ist längst vorbei, und deine Muskeln halten immer noch. Sie warten auf einen Ernstfall, der nie kommt. Eine Verspannung ist deshalb meist eine Anspannung, die du irgendwann vergessen hast loszulassen, und mit der Zeit wird daraus eine Gewohnheit.

Dazu kommt, dass du diese Gewohnheit kaum noch spürst. Was lange genug angespannt ist, fühlt sich normal an. Deine hochgezogenen Schultern sind für dich einfach deine Schultern, und du bemerkst die Spannung erst, wenn sie laut wird. Dann sitzt sie oft schon seit Wochen dort.

Und dann ist da noch der Kampf. Wer eine harte Stelle loswerden will, geht meist mit Kraft dagegen vor, und Kraft ist wieder Anspannung. Ein Knoten, an dem du zerrst, zieht sich eher fester zusammen. Weich wird er erst, wenn der Kampf aufhört und er das Signal bekommt, dass er Pause machen darf.

Was viele tun, und warum es nicht hilft

Du drückst und knetest. Abends bohrst du deine Daumen in den harten Strang neben deiner Wirbelsäule, oder du nimmst die Massagepistole, bis die Stelle brennt. Für den Moment tut das gut. Am nächsten Morgen ist der Strang wieder da, weil sich an der Gewohnheit dahinter nichts geändert hat.

Du lässt deinen Kopf kreisen, bis es knackt. Das Knacken klingt nach Erlösung, und doch ist es nur ein Geräusch. Für einen Muskel, der ohnehin auf der Hut ist, sind ruckartige Bewegungen eher eine weitere Warnung als eine Entwarnung.

Du sagst dir streng: „Schultern runter!“ Du ziehst sie nach unten und hältst sie dort mit Kraft. Zwei Minuten später bist du wieder bei deiner Sache, und deine Schultern wandern leise zurück nach oben. Schultern, die mit Kraft unten gehalten werden, sind nicht locker, sie sind nur anders angespannt.

Du suchst die perfekte Haltung. Du kaufst ein Kissen für deinen Stuhl und sitzt eine Woche lang kerzengerade. Das ist anstrengend, und auch gerades Sitzen ist über Stunden nur eine weitere Haltung, die dein Körper festhalten muss.

Alle diese Wege arbeiten mit Druck, von außen oder von innen. Ein Körper in Habachtstellung braucht aber keine weitere Anweisung. Er braucht eine Entwarnung.

Was wirklich hilft

Frag mehrmals am Tag nach deinen Schultern. Häng die Frage an etwas, das du sowieso tust, zum Beispiel jedes Mal, wenn du den Wasserkocher anschaltest oder auf den Bus wartest: Wo sind meine Schultern gerade? Oft sinken sie schon ein Stück, nur weil du hinschaust.

Nutze den Kontrast. Zieh deine Schultern bewusst bis zu den Ohren hoch, halte sie dort ein paar Sekunden lang und lass sie beim Ausatmen fallen. Dein Körper spürt den Unterschied zwischen hart und weich am besten im direkten Wechsel, und nach zwei oder drei Runden weiß er wieder, wo unten ist.

Eine kleine Übung für den Abend: Setz dich bequem hin oder leg dich auf den Rücken, und schieb eine Hand in deinen Nacken. Spür die Wärme deiner Hand. Stell dir vor, diese Wärme wird zu einer Welle, die langsam durch deinen Nacken wandert, dann weiter in deine Schultern, in deinen Kiefer und zum Schluss in deinen oberen Rücken. Wo die Welle auf eine harte Stelle trifft, bleibt sie einen Moment, so lange, wie Wachs in der Sonne braucht, um weich zu werden. Atme dabei lang aus und denk das Wort „weich“. Du musst nichts dehnen und nichts drücken, die Stelle bekommt nur eine Einladung. Mit der Zeit wird deine Hand im Nacken zu deinem Zeichen, und im Alltag reichen dann diese Hand und ein langes Ausatmen, damit dein Körper sich erinnert.

Würdige die Spannung, statt gegen sie zu kämpfen. Deine Schultern sind nicht dein Gegner. Sie haben dich durch eine anstrengende Woche gebracht und waren die ganze Zeit bereit. Sag ihnen innerlich danke, bevor du sie einlädst nachzugeben. Das klingt vielleicht seltsam, aber es nimmt den Kampf heraus, und ein Muskel, gegen den niemand kämpft, gibt leichter nach.

Wechsle deine Haltung oft, denn die beste Haltung ist die nächste. Steh beim Telefonieren auf, und lass beim Gehen deine Arme schwingen. Bewegung zwischendurch hilft deinem Nacken mehr als eine Stunde kerzengerades Sitzen.

Und sorg dafür, dass deine Schultern nicht die Arbeit eines Schals machen müssen. An kalten Tagen hält ein Schal deinen Hals warm, und dann musst du deine Schultern gar nicht erst hochziehen. Eine warme Dusche auf deinem Nacken am Abend ist ein Signal, das dein Körper gut versteht.

Im Arbeitsalltag

Verspannungen sind im Job so normal, dass kaum jemand sie erwähnt. Wer stundenlang am Bildschirm sitzt, schiebt den Kopf nach vorn, und wer unter Druck steht, zieht die Schultern hoch. Abends gehen viele mit hartem Nacken nach Hause, und am nächsten Morgen kommen sie mit demselben Nacken wieder. Das kostet Konzentration und Laune, lange bevor jemand ausfällt.

Ein Unternehmen kann hier viel tun, ohne jemanden vorzuführen. Niemand muss vor den Kollegen die Schultern kreisen lassen. Es hilft schon, wenn Bewegung zwischendurch normal ist und niemand komisch schaut, wenn eine Kollegin ans Fenster geht oder eine Besprechung im Gehen stattfindet. Führungskräfte, die selbst Pausen machen und aufstehen, geben dafür die Erlaubnis.

Kurze Übungen zum Lösen von Anspannung gehören gut ins Gesundheitsangebot, weil sie in jede Pause passen und niemand dafür die Kleidung wechseln muss. Wie das im Betrieb aussehen kann, steht auf unseren Seiten für Arbeitgeber.

So übst du es mit Innenstark®

Die warme Welle und das Wort „weich“ aus der Übung oben sind keine Erfindung für diesen Artikel. Sie sind der Kern des Themas Verspannungen lösen in der Innenstark®-App: drei Wege, von der „Wärme-Welle“, die Zone für Zone durch deinen Körper wandert, bis zur „Langen Reise“, in der du deine Spannung würdigst, statt gegen sie anzukämpfen. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Du musst nichts können und nichts erzwingen, die Wärme macht die Arbeit.

Verspannungen lösen in der App hören

Weiterlesen

Häufige Fragen

Warum ist mein Nacken ständig verspannt?

Meist hält dein Körper eine Anspannung fest, die er für einen Ernstfall aufgebaut hat, etwa bei Kälte oder unter Druck. Die Entwarnung bleibt aus, und so wird die Spannung zur Gewohnheit. Du spürst sie dann erst, wenn sie wehtut.

Hilft Wärme gegen Verspannungen?

Ja, Wärme tut verspannten Muskeln meistens gut, ob als warme Dusche oder als Kissen. Sie hilft dir am meisten, wenn du dabei lang ausatmest und die Stelle einlädst, weich zu werden. So lernt dein Körper das Loslassen auch für die Zeit danach.

Kann eine Meditation Verspannungen lösen?

Sie kann deinem Körper helfen, Spannung loszulassen, die er aus Gewohnheit hält. Viele Menschen merken danach, dass ihre Schultern tiefer sitzen und ihr Atem freier geht. Am meisten bringt es, wenn du regelmäßig übst und dich zwischendurch bewegst.

Warum kommen Verspannungen immer wieder?

Die Gewohnheit, Spannung zu halten, ist schneller als jede einzelne Lockerung. Bei Kälte oder Eile gehen deine Schultern wieder hoch, ohne dass du es merkst. Deshalb hilft ein kleines Zeichen im Alltag, mit dem du sie immer wieder nach unten einlädst.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.