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Kind hat Angst im Dunkeln: wie du sie ernst nimmst, ohne sie größer zu machen

Michael Hoffmann · Stand

Kennst du das? Deine Hand liegt am Lichtschalter, da sagt dein Kind: „Lass das Licht an.“ Wenn dein Kind Angst im Dunkeln hat, braucht es keinen Beweis, dass dort nichts ist. Hilfreicher ist, wenn du sein Gefühl ernst nimmst, ohne dem Monster recht zu geben, und ihm zeigst, dass es in sich ein Licht hat, das es selbst anmachen kann.

Woran du es merkst

Es ist zehn vor acht. Die Geschichte ist vorgelesen, und du gibst deinem Kind einen Kuss auf die Stirn. Als du zur Tür gehst, setzt es sich noch einmal auf: „Lässt du die Tür offen? Machst du sie noch ein bisschen weiter auf?“ Am Ende steht die Tür halb offen, und das Flurlicht brennt, als du auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer gehst.

Zwanzig Minuten später hörst du ein leises „Mama?“ aus dem Kinderzimmer. Dein Kind sitzt aufrecht im Bett und zeigt auf die Wand neben dem Schrank, denn dort bewegt sich etwas. Es hat sogar recht: Jedes Auto, das unten vorbeifährt, schickt einen Lichtstreifen über die Decke, und sein Bademantel am Haken wirft einen Schatten, der aussieht wie ein großer Mann mit Hut.

Vielleicht nimmt dein Kind abends Anlauf. Es springt mit einem großen Satz ins Bett, damit unter dem Bett niemand nach seinen Füßen greifen kann, und zieht sich die Decke bis zur Nase hoch. Wenn es nachts aufs Klo muss, traut es sich nicht allein über den dunklen Flur und ruft nach dir.

Und dann sind da die Geräusche. Die Heizung knackt, und im Treppenhaus fällt eine Tür ins Schloss. Am Tag geht so etwas im Lärm unter. Jetzt liegt dein Kind ganz still unter seiner Decke und hört jedes Knacken doppelt laut.

Wenn du das kennst, bist du in großer Gesellschaft. Viele Kinder fürchten sich eine Zeit lang im Dunkeln, auch die, die am Tag auf jeden Baum klettern. Deine Erziehung ist daran nicht schuld, und am Mut deines Kindes fehlt es auch nicht.

Was dahinter steckt

Angst im Dunkeln gehört für viele Kinder zum Großwerden. Sie zeigt sich oft gerade dann, wenn die Vorstellungskraft deines Kindes richtig in Fahrt kommt. Am Tag baut es damit Burgen aus Sofakissen und spricht mit seinem Kuscheltier. Nachts arbeitet dieselbe Fantasie weiter, nur hat sie jetzt weniger Material, und deshalb füllt sie die Lücken selbst.

Im Dunkeln liefern die Augen nur noch Umrisse. Jedes Gehirn ergänzt dann, was fehlt, und es setzt dabei lieber etwas Gefährliches ein als etwas Harmloses. Du kennst das vielleicht selbst aus einem dunklen Keller, in dem ein Stapel Kartons plötzlich wie eine Gestalt aussieht. Dein Kind hat nur weniger Erfahrung damit, dass sich solche Gestalten am Morgen wieder in Kartons zurückverwandeln.

Dazu kommt der Abschied. Wenn das Licht ausgeht, gehst auch du aus dem Zimmer. Dein Kind liegt allein da, und zum ersten Mal seit dem Morgen ist es wirklich still. Geräusche, die am Tag niemand hört, werden jetzt laut, und niemand ist da, der sie sofort erklärt.

Und Angst sitzt im Körper, bevor sie im Kopf ankommt. Das Herz deines Kindes schlägt schneller, und sein Atem wird flach. Es ist plötzlich hellwach, und in diesem Zustand erreicht es kaum ein Argument, weil sein Körper gerade auf Wachsamkeit geschaltet hat. Deshalb wirkt eine ruhige Hand auf seinem Rücken oft mehr als die beste Erklärung.

Was viele tun, und warum es nicht hilft

Du erklärst deinem Kind, dass es keine Monster gibt. Das stimmt, und trotzdem kommt die Botschaft nicht an, weil die Angst bei deinem Kind im Bauch sitzt und nicht im Verstand. Es hört vor allem heraus, dass sein Gefühl falsch ist, und behält die Angst beim nächsten Mal lieber für sich.

Du schaust jeden Abend unter das Bett und in den Schrank, bevor du das Licht ausmachst. Das ist liebevoll gemeint und beruhigt für den Moment. Nur lernt dein Kind dabei, dass es dort etwas gibt, das man kontrollieren muss. Mit einem Monsterspray aus der Sprühflasche ist es ähnlich: Es vertreibt die Monster und bestätigt dabei, dass es welche gibt.

Du sagst: „Du bist doch schon groß.“ Du meinst damit, dass du deinem Kind etwas zutraust. Bei ihm kommt oft etwas anderes an, nämlich dass seine Angst peinlich ist. Dann versteckt es sie, und eine versteckte Angst wird nachts eher lauter als leiser.

Du machst das Licht ganz aus, weil du gehört hast, dass Kinder im Dunkeln besser schlafen. Für ein Kind, das sich fürchtet, ist ein stockdunkles Zimmer aber eine Leinwand, auf die sein Kopf alles malen kann. Es liegt dann wach und lauscht, statt zu schlafen.

Alle diese Wege sind gut gemeint. Keiner von ihnen gibt deinem Kind aber etwas in die Hand, mit dem es sich selbst beruhigen kann, wenn du nicht im Zimmer bist.

Was wirklich hilft

Nimm das Gefühl deines Kindes ernst und lass das Monster klein. Du kannst sagen: „Du hast Angst, wenn es dunkel ist. Das kenne ich, und es fühlt sich blöd an.“ Damit bestätigst du kein Monster. Du sagst nur, dass du siehst, wie es deinem Kind geht, und ein Gefühl, das gesehen wird, muss nicht mehr so laut rufen.

Lernt das Zimmer gemeinsam im Dunkeln kennen. Macht vor dem Zubettgehen das Licht aus und geht zusammen auf Entdeckungstour, und dein Kind hält dabei die Taschenlampe. Ihr findet heraus, dass der Mann mit Hut der Bademantel ist und das Knacken aus der Heizung kommt. Ihr sucht dabei nach nichts Gefährlichem, ihr schaut nur, wie das Zimmer nachts aussieht. Danach kennt sich dein Kind in seinem Zimmer aus, auch wenn es dunkel ist.

Ein kleines Licht ist erlaubt. Ein Nachtlicht mit warmem, gedämpftem Schein gibt deinem Kind einen Punkt, an dem sich seine Augen festhalten können, und du musst es ihm nicht abgewöhnen.

Versprich, dass du wiederkommst, und halte es. Sag beim Gute-Nacht-Kuss: „Ich schaue in fünf Minuten noch einmal nach dir.“ Nach fünf Minuten kommst du wirklich und streichst kurz über die Decke. Wenn dein Kind weiß, dass du kommst, muss es dich nicht rufen, und es muss auch nicht wach bleiben, um aufzupassen. Oft schläft es schon, bevor du zum dritten Mal hineinschaust.

Eine kleine Übung für heute Abend: Setz dich zu deinem Kind ans Bett, solange das Licht noch brennt. Bitte es, die Augen zu schließen und eine Hand auf seinen Bauch zu legen. Frag leise, ob es dort drinnen ein kleines, warmes Licht finden kann, und lass dir erzählen, welche Farbe sein Licht hat. Mit jedem Ausatmen darf das Licht ein bisschen größer werden, bis es den ganzen Bauch warm macht. Dann sucht ihr zusammen eine kleine Geste aus, mit der dein Kind sein Licht anmachen kann, zum Beispiel Daumen und Zeigefinger aneinanderlegen, und einen Satz dazu: „Ich bin sicher.“ Wenn später im Dunkeln ein Geräusch kommt, macht dein Kind seine Geste, und sein Licht ist wieder da.

Bring deine eigene Ruhe mit, so gut es an diesem Abend eben geht. Dein Kind liest an deinem Gesicht und an deiner Stimme ab, ob die Lage gefährlich ist. Wenn du langsam sprichst und dich ruhig zu ihm setzt, leiht es sich ein Stück von deiner Ruhe aus.

So übst du es mit Innenstark®

Das kleine Licht und die Geste aus der Übung oben sind der Kern des Themas Angst im Dunkeln in der Innenstark®-App. Dort gibt es einen Weg, die „Filo-Reise“. Filo, ein kluger kleiner Fuchs, nimmt dein Kind mit an einen stillen Ort im Wald am Zaubersee. Dort entdeckt es, dass in ihm ein warmes, mutiges Licht leuchtet, auch im Dunkeln. Mit Filos Zauberwort lernt es, das Gefühl, gut behütet zu sein, selbst anzumachen, ganz leise und mit einer kleinen Geste, die es abends im Bett benutzen kann, wenn ein Geräusch oder ein Schatten es erschreckt. Hört die Meditation am besten gemeinsam: Du setzt dich ans Bett oder legst dich dazu, und dein Kind liegt da und hört einfach zu. Es muss dabei nichts können und nichts leisten. Der Satz zu diesem Thema heißt: „Ich bin sicher, und Filo ist bei mir.“

Angst im Dunkeln in der App hören

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Häufige Fragen

Ist es normal, dass mein Kind Angst im Dunkeln hat?

Ja, sehr viele Kinder erleben das, oft in Phasen, die kommen und wieder gehen. Die Angst zeigt, dass die Vorstellungskraft deines Kindes wächst. Meist wird sie leiser, wenn dein Kind erlebt, dass es sich im Dunkeln selbst beruhigen kann.

Darf mein Kind mit Licht schlafen?

Ja, ein kleines, warmes Licht ist in Ordnung. Ein gedämpftes Nachtlicht oder die angelehnte Tür zum Flur gibt deinem Kind einen Punkt, an dem sich seine Augen festhalten können. Abgewöhnen musst du es ihm nicht, denn viele Kinder wollen irgendwann von selbst weniger Licht.

Soll ich mit meinem Kind unter dem Bett nachschauen?

Einmal gemeinsam nachzuschauen schadet nicht. Wenn es aber jeden Abend dazugehört, lernt dein Kind, dass es dort etwas zu kontrollieren gibt. Hilfreicher ist eine Entdeckungstour durch das dunkle Zimmer, bei der dein Kind die Taschenlampe hält.

Was mache ich, wenn mein Kind nachts zu uns ins Bett kommt?

Nimm es in den Arm und sprich leise und mit wenigen Worten. Ob es dann bei euch bleibt oder ob du es zurückbringst und noch eine Weile bei ihm sitzt, entscheidet ihr als Familie. Beides ist in Ordnung, solange dein Kind spürt, dass seine Angst bei dir willkommen ist.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.