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Gesund führen: warum deine eigene Energie in keinem Report steht

Michael Hoffmann · Stand

Kennst du das? Du hast den Dienstplan im Kopf und jede Lücke darin, aber wie es dir selbst geht, könntest du gerade nicht sagen. Gesund führen beginnt bei deiner eigenen Energie, denn wer innerlich auf Reserve läuft, wird ungeduldig und eng, und das spürt dein Team zuerst. Für dich zu sorgen gehört deshalb zu deiner Verantwortung.

Woran du es merkst

Es ist 6:05 Uhr, und im Stationszimmer riecht es nach Kaffee und Desinfektionsmittel. Zwei Kolleginnen haben sich krank gemeldet, und noch vor der Übergabe hast du drei Leute angerufen, um die Lücken im Dienstplan zu schließen. Die letzte Lücke schließt du selbst. Deinen Kaffee trinkst du kalt, irgendwann gegen zehn.

Mittags stehst du auf dem Flur, und eine Kollegin fragt nach ihrem Urlaubsantrag. Während du ihr antwortest, wartet schon ein Angehöriger, der dich kurz sprechen möchte, und in deiner Kitteltasche klingelt das Telefon. Du bist zu allen freundlich und knapp. Dein Brot liegt unberührt im Spind, als die Spätschicht kommt.

Gegen drei spürst du wieder dieses Ziehen zwischen den Schulterblättern, das du seit Wochen kennst. Du nimmst es wahr und machst weiter, weil gerade keine Zeit dafür ist. Zeit für dich gibt es an solchen Tagen nie.

Abends am Esstisch fragt dein Sohn, wie dein Tag war, und du sagst „voll“ und sonst nichts. Als er kurz darauf zum dritten Mal nach seinem Turnbeutel fragt, wirst du lauter, als du wolltest. Beim Zähneputzen merkst du, wie viel du heute auf der Station gegeben hast und wie wenig davon für die Menschen zu Hause und für dich selbst übrig war.

Wenn du dich darin wiederfindest, bist du in guter Gesellschaft. Gerade Führungskräfte, die ihr Team gut schützen, vergessen sich selbst am leichtesten. Sie haben früh gelernt, dass ihr eigener Bedarf zuletzt drankommt, und was gelernt ist, lässt sich auch wieder verlernen.

Was dahinter steckt

Als Führungskraft hast du viele Zahlen im Blick, von den Krankentagen bis zu den Überstunden. Eine Größe fehlt aber in jedem Report, und das ist deine eigene Energie. Was niemand misst, fällt erst auf, wenn es fehlt, und dann ist der Akku meist schon länger leer.

Führen kostet Kraft, die niemand sieht. Jede Frage, die du nebenbei beantwortest, und jede schlechte Stimmung, die du auffängst, kosten dich ein Stück davon. Für sich genommen ist das wenig, zusammen leert es dich Tag für Tag. Gleichzeitig fällt weg, was dich auffüllt. Wenn es eng wird, streichst du zuerst deine Pause und danach den Abend mit Freunden, weil beides nach Luxus aussieht. Dabei sind gerade das deine Zuflüsse.

Dein Körper meldet sich lange vor deinem Kopf. Er zeigt dir mit Enge in der Brust oder mit einem Ziehen im Nacken, dass du an deine Grenze kommst. Viele Führungskräfte haben gelernt, diese Signale zu überhören, weil ihre Rolle verlangt, dass sie funktionieren. Irgendwann wird der Körper dann lauter, weil er leise nicht gehört wurde.

Und dein Zustand bleibt nicht bei dir. Wer mit leerem Akku führt, hört weniger zu und sieht in einer Frage eher eine Störung als ein Anliegen. Dein Team spürt das, oft früher als du selbst, und kommt seltener mit seinen Fragen zu dir. Gut für dich zu sorgen gehört deshalb zum guten Führen dazu.

Was viele tun, und warum es nicht hilft

Du rettest dich von Urlaub zu Urlaub. Drei Wochen im Sommer sollen ausgleichen, was der Rest des Jahres kostet. Nach ein paar Tagen im Dienst steht dein Pegel trotzdem wieder dort, wo er vorher war, weil sich an dem, was dich leert, nichts geändert hat.

Du springst selbst ein, jedes Mal. Das fühlt sich loyal an, und dein Team ist dir dankbar dafür. Doch jede Schicht, die du zusätzlich übernimmst, fehlt dir an anderer Stelle, und dein Team lernt dabei, dass du immer kannst.

Du vertröstest dich auf später. „Wenn die neuen Kolleginnen eingearbeitet sind, wird es ruhiger“, sagst du dir. Dann sind sie eingearbeitet, und die nächste Umstellung steht schon an. Das ruhigere Später kommt selten von allein.

Du sprichst mit niemandem darüber, weil eine Leitung belastbar sein soll. So bleibt dein Zustand dein Geheimnis, bis man ihn dir ansieht, und dann ist das Gegensteuern schwerer als ein paar Wochen früher.

Alle diese Wege setzen darauf, dass du später auffüllst, was du heute ausgibst. Eine Quelle, die immer nur abgibt, läuft aber irgendwann trocken, ganz gleich, wie kräftig sie einmal war.

Was wirklich hilft

Nimm deine eigene Energie in deinen Report auf. Frag dich einmal am Tag, zum Beispiel beim Umziehen nach dem Dienst, wie voll du gerade bist, auf einer Skala von eins bis zehn. Schreib die Zahl in deinen Kalender. Nach ein paar Wochen siehst du, welche Tage dich leeren und welche dich auffüllen.

Lies die Signale deines Körpers früher. Wenn das Ziehen zwischen den Schulterblättern kommt, nimm es als Nachricht und antworte darauf. Stell dich für eine Minute ans Fenster und lass deine Schultern sinken, während du ein Glas Wasser trinkst. Oft reicht diese Minute, damit dein Körper nicht lauter werden muss.

Schütze, was dich auffüllt, wie einen festen Termin. Such dir ein oder zwei Dinge aus, die dir verlässlich Kraft geben, etwa den Chor am Donnerstag oder den Spaziergang nach dem Frühdienst. Wenn es eng wird, streichst du sie als Letztes und nicht als Erstes.

Erlaube dir zu empfangen. Wer gern für andere da ist, kann meist großzügig geben, doch eine Pause oder eine Bitte um Hilfe fühlt sich schnell egoistisch an. Dabei ist es mit dem Geben wie mit dem Atmen: Niemand kann nur ausatmen. Nimm Hilfe an, wenn dir jemand etwas abnehmen will, und sag auch einmal Nein, wenn du in diesem Monat schon wieder einspringen sollst. Dein Team erlebt dabei, dass auch Grenzen zur Führung gehören.

Eine kleine Übung für den Feierabend: Setz dich für ein paar Minuten hin, bevor der Abend beginnt, und stell dir vor, in dir liegt eine Quelle, ein kleines Becken mit klarem Wasser. Schau ehrlich hin, wie hoch der Pegel heute steht, ohne ihn schönzureden. Frag dich, was heute hineingeflossen ist, vielleicht ein Lachen mit einer Kollegin oder ein paar Minuten Sonne in der Pause. Dann frag dich, was still abgeflossen ist, ohne dass du es gemerkt hast. Gib dabei deinem Einatmen genauso viel Raum wie deinem Ausatmen. Zum Schluss triff eine kleine, konkrete Entscheidung für morgen, die etwas zurück ins Becken bringt, und sei es nur eine Pause, die du wirklich machst.

Und sprich darüber. Sag in deinem Team ruhig einmal: „Ich bin heute nicht ganz voll, habt bitte etwas Geduld mit mir.“ So ein Satz kostet dich wenig, und er erlaubt allen anderen, ehrlich mit ihrem eigenen Pegel umzugehen.

Im Arbeitsalltag

Führungskräfte sind im Gesundheitsangebot oft die vergessene Gruppe. Sie planen Kurse für ihr Team und gehen selbst nicht hin, weil jemand die Stellung halten muss. In vielen Kliniken springt die Stationsleitung ein, wenn Personal fehlt, und ihre eigenen Pausen fallen als Erstes weg. Wenn eine Führungskraft lange auf Reserve läuft, spürt das ganze Team die Folgen: Die Stimmung wird enger, und Fragen werden seltener gestellt.

Ein Unternehmen kann hier viel tun, ohne jemandem vorzuschreiben, wie er sich zu erholen hat. Vertretungsregeln, bei denen nicht automatisch die Leitung einspringt, schützen mehr als jeder Ratgeber zum Thema Stress. Im Gespräch mit ihren Führungskräften kann die nächste Ebene neben den Zahlen auch nach deren Kraft fragen, ernst gemeint und ohne Folgen für die Beurteilung. Und wer oben selbst Pausen macht und im Urlaub keine Mails beantwortet, zeigt allen darunter, dass das erlaubt ist.

Kurze Übungen, die jede Führungskraft für sich nutzen kann, ohne sich erklären zu müssen, sind ein leiser Baustein im Alltag. Wie das im Betrieb aussehen kann, steht auf unseren Seiten für Arbeitgeber.

So übst du es mit Innenstark®

Die Quelle und der Pegel aus der Übung oben sind der Kern des Themas Gesund führen: auf die eigene Energie achten in der Innenstark®-App: drei Wege, von „Die Quelle“, in dem du lernst, deinen eigenen Pegel wahrzunehmen und dich ohne schlechtes Gewissen wieder zu füllen, über die kurze Meditation „Was der Körper sagt“, in der du die Signale deines Körpers lesen lernst, bis zu „Einatmen darf man auch“, in dem dir dein Atem zeigt, dass Geben und Empfangen zusammengehören. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Du kannst das am Abend machen oder in einer Pause, die du dir heute wirklich nimmst.

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Häufige Fragen

Wie bleibe ich als Führungskraft gesund?

Am meisten hilft es, deine eigene Energie so regelmäßig zu prüfen wie die Lage in deinem Team. Schau einmal am Tag ehrlich auf deinen Pegel und nimm die Signale deines Körpers ernst, solange sie noch leise sind. Das klingt klein, und gerade deshalb hältst du es auch in vollen Wochen durch.

Ist Selbstfürsorge als Chef oder Chefin egoistisch?

Nein. Dein Zustand färbt auf alle ab, die du führst, und mit leerem Akku wirst du ungeduldig und hörst schlechter zu. Wenn du gut für dich sorgst, sorgst du deshalb auch für dein Team.

Woran merke ich, dass ich auf Reserve laufe?

Meist meldet sich zuerst dein Körper, mit einem Ziehen im Nacken oder mit einer Müdigkeit, die nach dem Wochenende nicht verschwindet. Danach merkst du es an deiner Geduld, weil dich Kleinigkeiten schneller reizen. Und irgendwann fühlen sich Dinge, die dir früher Freude gemacht haben, wie Pflicht an.

Wie oft sollte ich auf meine Energie schauen?

Ein kurzer Blick am Tag genügt, am besten immer zur gleichen Zeit, etwa nach Dienstende. Einmal in der Woche hilft eine längere Inventur, in der du ehrlich schaust, was dir Kraft gegeben und was sie still abgezogen hat. Daraus nimmst du eine kleine Entscheidung mit in die neue Woche.

Über den Autor

Michael Hoffmann

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.