Kennst du das? Der Produktionsplan ändert sich zum zweiten Mal in einer Woche, und dein Team schaut trotzdem zu dir, als wüsstest du, wie es weitergeht. Führen in unsicheren Zeiten verlangt von dir nicht, alles zu wissen, bevor du losgehst. Dein Team braucht deine Ehrlichkeit über das, was offen ist, und einen klaren nächsten Schritt. Das genügt meistens schon.
Woran du es merkst
Es ist 5:50 Uhr, und die Frühschicht steht am Kaffeeautomaten neben dem Hallentor. Als du hereinkommst, wird es leiser. Seit Freitag weiß jeder im Werk, dass der größte Kunde seine Abrufe für die nächsten Monate gekürzt hat. Einer hebt seinen Becher und fragt halb im Scherz, ob ihr bald in Kurzarbeit geht. Du lachst mit und gehst weiter, und dein Lachen klingt dir selbst zu laut.
Am Vormittag steht ein Maschinenführer, der seit zwanzig Jahren im Betrieb ist, an der Linie neben dir. Er fragt leise, ob an dem Gerücht etwas dran ist, dass die Fertigung an den anderen Standort geht. Du weißt es nicht. Du sagst: „Da wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“ Schon beim Sprechen merkst du, wie wenig dieser Satz ihm gibt.
Am Mittwoch hängst du den Produktionsplan für die nächste Woche zum zweiten Mal neu aus. Warum er sich wieder geändert hat, kannst du selbst nur halb erklären. Später siehst du zwei Kollegen aus der Spätschicht davorstehen, und einer von ihnen schüttelt den Kopf, bevor er sich abwendet.
Abends beim Spaziergang mit dem Hund rechnest du weiter. Vielleicht kommt ab Januar die Kurzarbeit, vielleicht gewinnt ihr in letzter Minute einen neuen Kunden. Du spielst jede Möglichkeit bis zum Ende durch, und keine fühlt sich sicher an. Als du wieder vor deiner Haustür stehst, weißt du nicht mehr, welche Runde du eigentlich gegangen bist.
Wenn du dich darin wiederfindest, bist du nicht allein. Fast jede Führungskraft kennt Momente, in denen alle eine Antwort erwarten, die sie selbst noch nicht hat. Dass dich das umtreibt, zeigt vor allem, wie ernst du deine Leute nimmst.
Was dahinter steckt
Ungewissheit ist für deinen Kopf schwerer auszuhalten als eine schlechte Nachricht. Auf eine schlechte Nachricht kannst du dich einstellen und mit ihr planen. Eine offene Lage gibt deinem Kopf nichts Festes, also rechnet er weiter und will alles auf einmal lösen. So gerät er ins Kreisen, abends genauso wie morgens auf dem Weg ins Werk.
Dazu kommt ein Anspruch, den viele Führungskräfte still an sich stellen. Sie glauben, sie müssten das ganze Bild kennen, bevor sie etwas sagen oder losgehen. In unsicheren Zeiten lässt sich dieser Anspruch nicht erfüllen. Wer trotzdem an ihm festhält, hat nur zwei Möglichkeiten: Er spielt eine Gewissheit, die er nicht hat, oder er schweigt. Beides kostet Vertrauen.
Dein Team braucht von dir etwas anderes. Menschen halten Unsicherheit erstaunlich gut aus, wenn jemand sie offen benennt und dabei sichtbar bleibt. Schwer auszuhalten ist für sie das Gefühl, dass niemand steuert oder dass ihnen etwas verschwiegen wird. Orientierung entsteht deshalb weniger aus Antworten als aus Verlässlichkeit: Du sagst, was du weißt, und du kommst wieder, sobald du mehr weißt.
Und dann ist da ein wachsamer Teil in dir. Er denkt voraus und will alles wissen, bevor es passiert. In ruhigen Zeiten hilft er dir, gut vorbereitet zu sein. In unsicheren Zeiten kommt er nicht mehr zur Ruhe, weil es nichts gibt, was er endgültig absichern könnte. Er meint es gut mit dir, und gerade deshalb wird er lauter, wenn du gegen ihn kämpfst.
Was viele tun, und warum es nicht hilft
Du wartest mit jeder Aussage, bis du alles weißt. Das fühlt sich verantwortungsvoll an, weil du nichts Falsches sagen willst. In der Zwischenzeit schreibt aber der Pausenraum seine eigene Version der Lage, und die ist fast immer düsterer als die Wirklichkeit.
Du machst Zusagen, die du nicht halten kannst. „Bis Ostern ist das durch“, sagst du, weil dein Team etwas Festes braucht. Wenn Ostern vorbei ist und die Sache immer noch offen, glaubt man deinem nächsten Satz ein Stück weniger, auch wenn er stimmt.
Du rechnest jedes Szenario durch, abends und am Wochenende. Für jeden Fall legst du dir einen Plan zurecht. Das fühlt sich an wie Vorsorge, doch dein Kopf kreist dabei nur schneller, und du bist erschöpft, bevor überhaupt etwas passiert ist.
Du schiebst die Frage nach oben. „Das entscheidet die Geschäftsführung, ich weiß auch nichts“, sagst du. Das mag stimmen, aber dein Team hört darin vor allem, dass in seiner Nähe niemand das Steuer in der Hand hat.
Alle diese Wege versuchen, die Unsicherheit loszuwerden, bevor du handelst. Sie lässt sich aber nicht loswerden. Was du lernen kannst, ist, mit ihr zu gehen.
Was wirklich hilft
Sag, was du weißt, und sag, was du nicht weißt. Dann sag, wann du dich wieder meldest, und halte diesen Termin auch dann, wenn es nichts Neues gibt. Am Kaffeeautomaten kann das so klingen: „Der Kunde hat für die nächsten Monate gekürzt, das steht fest. Ob es Kurzarbeit gibt, weiß ich noch nicht. Am Montag zum Schichtbeginn stehe ich wieder hier und sage euch, was ich bis dahin weiß.“ Solche Sätze geben deinem Team mehr Halt als jede Prognose.
Schau auf den nächsten sicheren Tritt statt auf den Gipfel. Frag dich, was jetzt sinnvoll ist, ganz gleich, wie es ausgeht. Vielleicht ist es die Wartung, die ohnehin ansteht, oder die Schulung, die schon lange geplant war. Ein klarer nächster Schritt gibt deinem Team etwas, das es selbst in der Hand hat, und dir auch.
Hol deinen Kopf aus dem Kreisen zurück. Wenn du merkst, dass du schon wieder Varianten rechnest, bleib kurz stehen und spür einen einzigen Atemzug. Du atmest nie die Atemzüge von morgen, immer nur diesen einen. Genauso darfst du durch eine unsichere Zeit gehen, einen Tag nach dem anderen.
Sprich freundlich mit dem Teil in dir, der alles wissen will. Sag ihm innerlich: „Danke, dass du so wachsam bist. Wir gehen trotzdem weiter, Schritt für Schritt.“ Ein Teil, der gehört wird, wird ruhiger als einer, gegen den du kämpfst.
Eine kleine Übung für einen unklaren Morgen: Setz dich vor Schichtbeginn kurz hin und stell dir mit geschlossenen Augen vor, du führst eine kleine Gruppe über einen Bergweg. Nebel zieht auf, und bald siehst du weder den Gipfel noch das Tal. Du siehst nur den Stein vor deinem Fuß und den nächsten dahinter. Prüf ihn in Gedanken, bevor du dein Gewicht verlagerst, und geh dann ruhig weiter. Hinter dir hörst du die Schritte der Gruppe. Sie folgt dir, weil du den nächsten festen Tritt findest, auch ohne den Gipfel zu sehen. Atme lang aus und sag innerlich: „Ich gehe Schritt für Schritt, auch ohne alles zu wissen.“
Und bleib sichtbar. Geh in unsicheren Wochen öfter durch die Halle als sonst, auch wenn du nichts Neues zu sagen hast. Ein kurzes „Wie geht es euch damit?“ an der Linie hilft oft mehr als eine lange Rundmail.
Im Arbeitsalltag
In unsicheren Phasen arbeiten Teams langsamer, obwohl niemand faul wird. Viel Kraft fließt in Gerüchte und in Gespräche im Pausenraum, und manche schauen sich still nach einer anderen Stelle um, darunter oft Menschen, auf die du nur schwer verzichten kannst. Je länger eine Lage offen bleibt und je weniger darüber gesprochen wird, desto größer wird dieser Verlust.
Unternehmen können ihren Führungskräften hier den Rücken stärken. Ein fester Rhythmus für Informationen hilft, etwa ein paar Minuten zum Schichtbeginn an jedem Montag, auch wenn es nichts Neues gibt. Dafür brauchen Führungskräfte mehr als vorformulierte Textbausteine, nämlich ein ehrliches Gespräch mit der Ebene über ihnen, was feststeht und was noch offen ist. Wer vor seinem Team weniger weiß als die Gerüchteküche, verliert schnell an Glaubwürdigkeit.
Und Führungskräfte brauchen selbst einen Ort, an dem sie ihre eigene Unsicherheit ablegen dürfen. Kurze Übungen im Gesundheitsangebot, die den Kopf aus dem Kreisen holen, sind dafür ein leiser Baustein. Wie das im Betrieb aussehen kann, steht auf unseren Seiten für Arbeitgeber.
So übst du es mit Innenstark®
Der Bergweg im Nebel aus der Übung oben ist der Kern des Themas Klar führen in unsicheren Zeiten in der Innenstark®-App: drei Wege, von „Der Weg im Nebel“, in dem du lernst, dass du nur den nächsten festen Schritt sehen musst, über die kurze Meditation „Ein Atemzug nach dem anderen“, die deinen Kopf aus dem Kreisen holt, bis zu einem Weg, in dem du dem Teil in dir begegnest, der alles wissen will. An einem sicheren Ort würdigst du, was er für dich tut, und gibst ihm Ruhe. Eine ruhige Stimme führt dich, du legst dich hin und hörst zu. Du kannst das am Abend hören oder am Morgen vor einem Tag, von dem du noch nicht weißt, wie er ausgeht.
Klar führen in unsicheren Zeiten in der App hören
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Häufige Fragen
Wie führe ich in unsicheren Zeiten?
Sag ehrlich, was du weißt und was noch offen ist, und zeig deinem Team den nächsten klaren Schritt. Dazu gehört ein fester Termin, an dem du wieder informierst, auch wenn es nichts Neues gibt. Diese Verlässlichkeit gibt mehr Orientierung als jede Prognose.
Darf ich als Führungskraft zugeben, dass ich etwas nicht weiß?
Ja, und es stärkt das Vertrauen deines Teams, wenn du es klar sagst. Dein Team merkt ohnehin, wenn du unsicher bist. Ein offenes „Das weiß ich noch nicht, am Montag sage ich euch mehr“ wirkt ruhiger als eine Gewissheit, die du nur spielst.
Wie halte ich Ungewissheit besser aus?
Hol deinen Kopf immer wieder aus dem Kreisen zurück in den Moment, zum Beispiel mit einem bewussten Atemzug. Frag dich dann, was der nächste sinnvolle Schritt ist, ganz gleich, wie es ausgeht. Mit der Zeit merkst du, dass du gehen kannst, ohne den ganzen Weg zu sehen.
Was mache ich, wenn ich abends nicht abschalten kann?
Schreib vor dem Feierabend auf, was offen ist und wann du mehr erfährst. Dann leg den Zettel weg und sag dir, dass dein Kopf die Lage heute nicht mehr lösen muss. Wenn die Gedanken trotzdem wiederkommen, hilft ein einziger langer Atemzug, mit dem du in den Abend zurückkehrst.
Über den Autor

Michael Hoffmann ist Senior Coach (DBVC), ICI Master Coach Trainer, systemischer Coach und Organisationsberater. Er begleitet Führungskräfte, Teams und Organisationen in Veränderungsprozessen und unterstützt Menschen dabei, zu mehr Klarheit, innerer Stärke und Selbstwirksamkeit zu finden.